TMV aktuell

30.06.2021

7 min

1651 Wörter

Positionen zur Landtagswahl 2021

Erwartungen des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern e. V. an die künftige Landesregierung

Positionspapier des TMV zur Landtagswahl 2021, Foto: TMV/MV tut gut

Tourismus ist in Mecklenburg-Vorpommern ein zentraler wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor, von dem die Standortqualität eines großen Teils der Unternehmen und die Lebensqualität aller Bürgerinnen und Bürger entscheidend abhängt. Entsprechend beunruhigend ist es, dass unser Land in den vergangenen Jahren an Entwicklungsdynamik verloren hat. Die marktführende Position wird inzwischen von anderen Bundesländern eingenommen. Folgerichtig macht bereits die aktuelle Landestourismuskonzeption die Notwendigkeit einer weitreichenden Veränderung der Tourismuspolitik deutlich.
Hinzu kommen die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die für den Tourismus in MV einschneidend und in ihrer Tragweite noch nicht gänzlich absehbar sind. Die Pandemie hat die bereits vorher bestehenden enormen Herausforderungen nochmals deutlich sichtbar gemacht und zudem verstärkt. Dazu gehören:

  • Tourismusbewusstsein und -akzeptanz in Politik, bei wichtigen Anspruchsgruppen und in der Bevölkerung,
  • Rahmenbedingungen für Innovation, Investition und Digitalisierung,
  • der Arbeits- und Fachkräftebedarf,
  • die touristischen Strukturen und deren Finanzierung genauso wie die
  • Anforderungen des nachhaltigen Handelns und der Umgang mit dem Klimawandel.

Der neu gewählte Landtag und die neue Landesregierung müssen diese Herausforderungen entschlossen und zielgerichtet angehen. Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e. V. (TMV) ist im Bewusstsein um die Herausforderungen des Landes selbstverständlich bereit, eine maßgebliche Rolle bei deren Bewältigung zu übernehmen und legt folgende Forderungen zur Landtagswahl 2021 vor.

1. Tourismus als Leitökonomie des Landes verstehen

Der Tourismus ist für Mecklenburg-Vorpommern ein zentraler Zukunftsfaktor für die Unternehmen aller Branchen und für die Bevölkerung in unserem Land. Er leistet den entscheidenden Beitrag für die Standort- und Lebensqualität und kann noch stärker und strategischer für die Landesentwicklung und -identität genutzt werden.
Die Tourismuspolitik verknüpft künftig das Bekenntnis zum Tourismus und Verständnis als Urlaubsland mit dem Anspruch, „Land zum Leben“ für die Bevölkerung zu sein. Mit diesem veränderten, einwohnerorientierten Tourismusverständnis verfolgt die Tourismuspolitik das Ziel, mit allen tourismusrelevanten Entscheidungen und Maßnahmen die Standort- und Lebensqualität zu verbessern.
Grundlage für den substantiellen Beitrag des Tourismus zur Standort- und Lebensqualität ist eine zielgerichtete, progressive Tourismuspolitik. Der grundlegende Anspruch der Tourismuspolitik ist es, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass das Land Vorreiter und Innovationsführer beim sozialen und ökologischen Wandel hin zu einem nachhaltigen Qualitätstourismus in Deutschland wird. Der Leitsatz für den anstehenden qualitativen Umbau des Tourismus lautet daher: „Nicht mehr, sondern besser.“.

Die folgenden Maßnahmen fordert der TMV zur Landtagswahl 2021:

  • Tourismus als Leitökonomie des Landes verstehen, benennen und umsetzen
  • Tourismuspolitik zielgerichtet auf einen nachhaltigen Qualitätstourismus unter wirtschaftlichen Aspekten ausrichten; Umsetzung einer Initiative zur systematischen Entwicklung von Qualität und Nachhaltigkeit als Hauptmaßstäbe für den Tourismus im Land
  • Entwicklung einer landesweiten Nachhaltigkeitsstrategie als Leitlinie unter anderem für eine zukunftsorientierte Tourismusentwicklung und Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit im nationalen und internationalen Maßstab
  • Evaluierung und Fortschreibung der Tourismuskonzeption, u. a. zur Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie

2. Neue Tourismuskultur in Mecklenburg-Vorpommern umsetzen

Soll die Tourismuspolitik den Rahmen für einen sozial-ökologischen Wandel setzen, bedarf es einer langfristig angelegten, zielgerichteten und systematisch umgesetzten Initiative für eine ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltige, faire und konsequent einwohnerorientierte Tourismusentwicklung. Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern fordert daher u. a. die Fortsetzung der Initiative „Tourismusakzeptanz“ auch über 2023 hinaus und deren Anerkennung als langfristige Aufgabe.
Eine zentrale Anforderung ist es, die Personal- und Fachkräftebasis für sämtliche Branchen und Unternehmen im Land zu verbessern. Der Dreiklang „Arbeiten, Leben, Wohnen“ soll durch eine Initiative von Land, Landkreisen und Orten unter Beteiligung von Unternehmen gestärkt werden. Die Tourismuspolitik setzt u. a. den Rahmen dafür, dass Wohnungen für die Bevölkerung statt Ferienwohnungen und andere neue Quartiere errichtet und ausgewiesen werden. Die Förderpolitik wirkt so, dass Impulse für die Bevölkerung und Arbeitskräfte zur Fördervoraussetzung in allen Bereichen werden (siehe dazu auch das TMV-Papier 7 Schwerpunktfelder zukünftiger Tourismusförderung in Mecklenburg-Vorpommern").

Die folgenden Maßnahmen fordert der TMV zur Landtagswahl 2021:

  • Aufnahme von Einwohnern und Personal als Zielgruppen der Tourismuskonzeption, Unterlegung mit Maßnahmen für eine ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltige, faire und einwohnerorientierte Tourismusentwicklung
  • Förderung von Musterprojekten für eine einwohnerorientierte Tourismusentwicklung auf Ortsebene mit anschließendem Wissenstransfer
  • Impulse zur Gewinnung, Bindung und Qualifizierung von Fachkräften sowie zur Verbindung von Arbeits- und Lebenswelt
  • Strategische Fortsetzung der Initiative Tourismusakzeptanz über 2023 hinaus und Anerkennung als langfristige Aufgabe

3. Mecklenburg-Vorpommern zum Innovationsführer für Digitalisierung und digitale Transformation machen

Der Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern unterliegt im Zuge der Digitalisierung und der digitalen Transformation weitreichenden Veränderungsprozessen. Die touristischen Akteure und Unternehmen sind aufgrund ihrer Struktur als kleine und mittlere Unternehmen (KMU) oftmals nicht in der Lage, die Weichen in Richtung digitaler Prozesse und Geschäftsmodelle so rasch zu stellen, wie dies die Marktentwicklung erforderlich macht. Gerade in den letzten Jahren ist das Land gegenüber anderen Ländern ins Hintertreffen geraten und hat dadurch maßgeblich an Wettbewerbsstärke verloren.
Vor diesem Hintergrund gilt es, systematisch darauf hinzuwirken, Mecklenburg-Vorpommern zur smarten Destination zu entwickeln. Der Anspruch des Landes sollte hierbei darauf ausgerichtet sein, Innovationsführer der Bundesländer im Bereich Digitalisierung und digitaler Transformation im Tourismus zu werden.

Die folgenden Maßnahmen fordert der TMV zur Landtagswahl 2021:

  • Initiierung eines landesweiten, systematischen Innovationsprozesses in den Bereichen Digitalisierung und Digitale Transformation unter Berücksichtigung des Projektes Modernisierungsprint beim TMV
  • Unterstützung zur Umsetzung von Schlüsselprojekten wie Digitale Gästekarte, Digitales Gästemanagement und Besucherlenkung, Digitalisierung touristischer Prozessketten und Services, Digitalisierung sämtlicher „Points of Interests“
  • Gewährleistung adäquater Verbindungsqualitäten durch systematischen und konsequenten Breitbandausbau als Voraussetzung für die Tourismusentwicklung v. a. auch in den ländlichen Räumen
  • Fortsetzung der Förderung des Projektes Modernisierungssprint beim TMV in den Jahren 2024 und 2025 unter dauerhafter Integration eines Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanagers in den regionalen Destinationsmanagementorganisationen (DMO) als direkte Schnittstelle zum TMV

4. Touristisches Angebot und Infrastruktur umfassend modernisieren

Das touristische Angebot und die touristische Infrastruktur in Mecklenburg-Vorpommern ist in den 1990er- und 2000er-Jahren nicht zuletzt bedingt durch die günstige Förderkulisse umfassend aufgebaut und modernisiert worden. In den letzten Jahren jedoch haben sich die Fördervoraussetzungen zuungunsten des Landes und des Tourismus verändert. Der Investitionsspielraum der Kommunen für die freiwillige Aufgabe Tourismus wurde zunehmend geringer. Gleichzeitig haben andere Bundesländer, allen voran Schleswig-Holstein, massiv in kommunale touristische Infrastruktur investiert und attraktive Innovationsvorhaben umgesetzt. Vor diesem Hintergrund muss MV die Weichen für das touristische Angebot und die touristische Infrastruktur zukunftsorientiert stellen, um den Anschluss an den Wettbewerb nicht endgültig zu verlieren.
Die Förderpolitik im Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern wird stärker zur Steuerung des touristischen Systems genutzt. Sie wird so aufgebaut, dass Impulse für die Bevölkerung und für Arbeitskräfte zur Fördervoraussetzung in allen Bereichen und bei jeder einzelnen Maßnahme werden. Sie ist zudem streng an der Strategie einer qualitativen, nachhaltigen und einwohnerorientierten Entwicklung orientiert; sämtliche Förderungsinstrumente werden auf die Strategieumsetzung ausgerichtet. Die Förderung erfolgt in definierten Schwerpunktfeldern und idealerweise in einer Kombination dieser; ein entsprechendes System wird vom Land Mecklenburg-Vorpommern aufgesetzt – siehe dazu auch das TMV-Papier „7 Schwerpunktfelder zukünftiger Tourismusförderung in Mecklenburg-Vorpommern“.

Die folgenden Maßnahmen fordert der TMV zur Landtagswahl 2021:

  • Veränderung und Vereinfachung der Fördermechanismen: Aufbau eines Fördersystems für Tourismus mit definierten Schwerpunktfeldern i. S. einer Strategie zur qualitativen, nachhaltigen und einwohnerorientierten Entwicklung; Gewährung von Förderung nur in Übereinstimmung mit den strategischen Zielen der Tourismusentwicklung; Nachhaltigkeitsnachweis als unabdingbares Förderkriterium, systematische Evaluation aller Fördermechanismen mit Offenlegung der erreichten Ergebnisse und Wirkungen
  • Modernisierungs-/Investitionsprogramm zur Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie und zum Erzeugen einer Aufbruchsstimmung im MV-Tourismus
  • Fokussierung der Förderung auf zukunftsfähige touristische Infrastruktur: vernetzte und intermodale Mobilität; nachhaltige Modernisierung von Beherbergung und Gastronomie / Ansiedlungsförderung i. d. R. nur in ländlichen Räumen; Modernisierung der „Wasserkante“ (Seebrücken, Marinas, Promenaden, Infrastruktur an Stränden und Ufern, Wasserwanderrastplätze, Schleusen); neue, regionsbezogene, vernetzte und verträgliche Angebote im Verständnis regionaler Wertschöpfung; nachhaltige Wegekonzepte, Modernisierung und Ausbau der Rad-, Wander- und Reitwege
  • Förderschwerpunkt bei Klein- und Kleinstunternehmen und Start-Ups zum Erhalt touristischer Vielfalt sowie zielgerichtetes Anwerben und Fördern des unternehmerischen Nachwuchses
  • Cluster für mehr Lebens- und Tourismusqualität: Förderung von Public-Private-Partnerships zwischen Orten und Unternehmen zur Verbesserung der Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen am Ort; Wohnimmobilien als Ausgleich für Beherbergungsimmobilien
  • Aufbau einer Tourismusakademie zur Eigenrekrutierung touristischen Fachpersonals sowie zur Vernetzung und Optimierung der Qualifizierungsmaßnahmen der unterschiedlichen Akteure im Land

5. Touristische Strukturen und Finanzierung optimieren

Eine der zentralen Herausforderungen für den Tourismus im Land sind die vergleichsweise nachteilig aufgestellten und finanzierten Tourismusstrukturen. Diese betreffen v. a. die regionale Ebene im Tourismus im Land, die u. a. mit Blick auf das Organisationsgutachten für die touristischen Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern (DMO-Gutachten von 2020) sowie ihrer eigenen Strategien umfassend weiterentwickelt werden sollen.
Gleichzeitig geht es auch darum, die Strukturen in der Tourismuspolitik und in der Landesverwaltung deutlich durchschlagskräftiger aufzustellen. Es bedarf einer konsequenten, stringenten, ziel- und strategieorientierten Kommunikation und Steuerung der Tourismusentwicklung, basierend auf einem systematischen, transparenten Umsetzungs- und Wirkungscontrolling.
Der erforderliche Veränderungsprozess sollte von Seiten des Landes durch die erforderlichen Rahmenbedingungen und unter Einsatz aller verfügbaren Steuerungs- und Gestaltungsparameter entschlossen umgesetzt werden.

Die folgenden Maßnahmen fordert der TMV zur Landtagswahl 2021:

  • Entwicklung von Mustern für den Veränderungsprozess der regionalen Tourismusorganisationen (vergleichbar dem Vorbild anderer Bundesländer), Umsetzung eines Förderprogramms zur Transformation der Strukturen,
  • Einführung eines Tourismusgesetzes zur Umsetzung eines adäquaten und dauerhaft tragfähigen Systems der Tourismusfinanzierung auf allen Ebenen
  • Schaffung klarer Zuständigkeiten für Tourismus, mindestens einer Abteilung für Tourismus, Prüfen des Einsetzens eines Staatssekretärs für Tourismus, Gewährleistung interministeriellen und ergebnisorientierten Arbeitens über eine „Task Force Tourismus“

 

Download: Positionspapier des Tourismusverbandes MV zur Landtagswahl 2021

Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern

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